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Shitstorm - Rufmord im Internet

Rufmord im Internet in höchster Vollendung

Shitstorm - Gibt es das „richtige“ Verhalten im medialen Fokus?

Ein Begriff hat sich im medialen Zeitalter entwickelt, der den medialen Ansturm auf Persönlichkeiten oftmals des politischen Lebens ziemlich genau bezeichnet. Der Begriff „Shitstorm“ hat sich qualifiziert und etabliert. So etwa war vor einigen Jahren der Bundespräsident im Rampenlicht. Er musste abwägen, ob er zurücktritt und ggf. Arbeitsplätze der ihm loyal gesinnten Beschäftigen riskiert oder mit seiner Familie den Mediensturm übersteht.

Beispiele für einen solchen Shitstorms gibt es gerade in der jüngeren Vergangenheit sehr häufig. Daher zu diesem Thema einige Merkmale aus hiesiger Sicht, die den Shitstorm in seiner Wirkungsweise beschreiben.

Merkmales eines Shitstorms

Zunächst fängt es meist mit einer Berichterstattung in den Online-Portalen der Medien zu einem bestimmten Thema an, welches entweder einen aktuellen Anlass hat oder aufgrund sonstiger Sachverhalte, etwa Insiderinformationen, ausgelöst wird.

Diese Berichterstattung, vor allem, wenn sie sich gegen Menschen oder Organisationen des öffentlichen Interesses richtet, wird schnell durch die Onlineportale weiterer Printmedien aufgegriffen.

Die Verlage von Printmedien veröffentlichen permanent weitere Neuigkeiten im Internet, die Taktfrequenz der Berichterstattung im Internet übertrifft die Schlagzahl der Druckexemplare bei weitem.

Sind keine konkreten neuen Sachverhalte zu ermitteln, werden Personen durch die Medien herausgesucht, welche bestimmte Meinungen vertreten. So werden weitere Schlagzeilen zum Thema erzeugt.

Werden Gegenäußerungen durch betroffene Personen getätigt, werden diese analysiert und öffentlich in Frage gestellt.

Zwischenzeitlich wächst das Thema dynamisch in Kommunikationsplattformen, etwa Facebook oder Twitter, durch die Benutzer der Plattformen an.

Schließlich werden Meinungen zu Rücktrittsforderungen gestellt, hierzu werden Personen gesucht, welche diese Ansicht vertreten.

Was ist der Vorteil für die Medien?

In Zeiten, in welchen keine besonderen Nachrichten oder langfristig negative Nachrichten die Berichterstattungslandschaft regieren, sind solche Berichte relativ günstige wie auch relativ wirkungsvolle Maßnahmen, Besucher und Interessenten zu erhalten.

Gezielt kann eine solche Kampagnen auch Konkurrenten oder Widersacher ausschalten.

Wie nun damit umgehen?
Zunächst einmal: Niemand, egal, in welchem Amt, möchte sein gesamtes Leben schonungslos veröffentlicht wissen. Jeder Mensch hat im Laufe seines Lebens vermutlich Sachverhalte erlebt oder Taten begangen, die er oder sie nicht gerne veröffentlicht wissen würde. Ob sie aus einer Not heraus, aus Mitleid oder einer Abwägung heraus begangen worden sind.

Als betroffener Politiker oder Organisation hat man die Wahl: Wenn es um nachweisbare Angelegenheiten geht, schweigen oder die Wahrheit sagen? Wenn eingeräumt wird, was ohnehin feststeht, ist schnell der Begriff „Salami-Taktik“ im Spiel. Doch auch Betroffene haben Rechte. Die Wahrnehmung dieser wird jedoch werden schnell als Charakterschwäche ausgelegt.

Zunächst einmal: Die Berichterstattung lebt von jeweils neuen Ereignissen auf beiden Seiten. Schweigt die eine Seite, verliert die andere Seite langfristig Interessenten. Denn ohne Reaktion wird der Shitstorm langweilig. Somit sind die Medien gezwungen, sich kurz- bis mittelfristig neue Tätigkeitsfelder zu suchen.
Diese Zeit des eigenen Schweigens ist zu nutzen, um Abwägungen zu treffen.

Welche rechtlichen Folgen hat die Angelegenheit in der gesamten Veröffentlichung für mich oder mein Unternehmen, meine Organisation?Welche wirtschaftlichen Folgen hat die Angelegenheit in der gesamten Veröffentlichung für mich oder mein Unternehmen, meine Organisation? Welche Personen verlieren ihre Arbeitsplätze?
Welche Vorteile und welche Nachteile bestehen für mich, mein Unternehmen oder meine Organisation, wenn gewisse Sachverhalte öffentlich eingeräumt werden?
Welche Unterstützung habe ich in der Angelegenheit?
Wie kann ich weitere Unterstützung aktivieren, etwa durch positive Berichterstattung aufgrund von exklusiven Terminen?
Ist der Sachverhalt objektiv geeignet, langfristig den Unmut der Bevölkerung zu erhalten? Hierbei kann eine Rolle spielen, in vorsichtiger Reihenfolge:
Sind Personen verletzt oder getötet worden?
Sind Familien oder andere besonders geschützte Personen/Personengruppen immateriell geschädigt worden?
Ist Personen Unrecht geschehen, wo Recht hätte geschehen müssen?
Liegt ein nachweisbarer Gesetzesverstoß vor?
Liegt eine nachweisbare Ordnungswidrigkeit vor?
Liegt eine angenommene moralische Verpflichtung vor, die verletzt worden ist?

Aus diesen Abwägungen heraus sollte eine Strategie erstellt werden.
Sicher entsteht schnell ein entsprechender Druck, wenn keine mediale Antwort auf vermeintlich drängende Fragen erfolgt. Warum wird so lange geschwiegen, wird gerne öffentlich nachgehakt. Diesem Druck sollte man standhalten,. Und, falls möglich, den aktuellen Status nutzen, andere Sachverhalte von Aktualität voran zu treiben. Das ist allerdings recht schwierig, wenn die Medien zusammen arbeiten. Das Thema muss schon größeres Gewicht haben.

Und: Während der Erarbeitung einer Strategie darf die Würde nicht verloren gehen, darauf ist zu achten. Es lohnt sich daher, die Berichterstattung zum Thema, soweit möglich, aufzuzeichnen und zu dokumentieren, um im Nachgang entsprechende Löschungen durchzuführen.

Im persönlichen Umfeld gilt es, Freunde und Vorteilsuchende zu trennen. So sollten positive Stimmungen ertönen, keine frühzeitigen Forderungen nach Rücktritt oder Auflösung der Organisation auch hier zu finden sein.
Es ist abzuwägen: Ist es wirklich wichtig, dass ich mich jetzt äußere, zurücktrete oder dergleichen? Die Zukunft ist noch nicht geschrieben, und auch, wenn propagiert wird: „Der zweite Rücktritt eines Bundespräsidenten in zwei Jahren wäre katastrophal“, dann ist das auch zunächst eine Aussage. Wen betrifft es denn wirklich? Ist die Fachverkäuferin in der Bäckerei empört, der Staranwalt aus München, der neue Chirurg im Krankenhaus Neukölln? Die Hausfrau und Mutter von drei Kindern aus der Fischerstr. in Hamburg, der Personalsachbearbeiter der örtlichen Müllabfuhr? Erleidet Deutschland Nachteile?

Die Politiker kennen den schwierigen Umgang den Medien. So hat die Angelegenheit um den Bundespräsidenten nicht dazu geführt, dass zumindest der französische Staatspräsident am 09.01.2012 nicht nach Berlin gereist wäre, um die weitere Zukunft der europäischen Währung mit der Deutschen Bundeskanzlerin Frau Merkel zu besprechen. Einfluss hatte die Affäre um den Bundespräsidenten – natürlich – nicht. Auch der USA oder der chinesischen Volksrepublik dürfte es ziemlich egal sein, was der Bundespräsident vor seiner Berufung genau getan oder gelassen hat. Auch wenn dann doch „Standard and Poor“ Frankreich letztlich am 13.01.2012 abgewertet hat.

Ist die Affäre überstanden, das Interesse der Presse hat nachgelassen, dann ist es durchaus möglich, auch Berichte in Onlineportalen löschen zu lassen. Eine Verpflichtung kann durch das Rundfunkgesetz bei Öffentlich-Rechtlichen Sendeanstalten beispielsweise bestehen, es sei denn, der Sachverhalt ist von übergeordnetem Interesse für die Öffentlichkeit. Hier gibt es einschlägige Urteile, die beispielsweise das Interesse hinsichtlich der Namensnennung der Täter des Gewaltverbrechens gegen den bayerischen Schauspieler Herrn Walter Sedlmayr über deren eigenes Interesse an einer fehlenden Berichterstattung aus dem Grunde, dass sie ihre Strafe abgesessen haben und unerkannt ihr Leben verbringen wollen, verneint. (Hier im Falle Deutschlandradio Bundesgerichtshof, Urteil vom 15.12.2009 - VI ZR 227/08 und VI ZR 228/08).

Fazit: Das Internet ermöglicht eine neue Form der Datenveröffentlichung, die aufgrund der raschen Erneuerung Druck ausübt.

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